Ich habe doch nichts zu verbergen…

Entschuldigt, dass das jetzt in dem Blog etwas Off-Topic ist, aber ich schau mir hier jeden Abend die Tagesschau an und lese in meiner Lieblingsnetzzeitung Telepolis und bekomme teilweise so einen Hals darauf, was sich in der deutschen Politik tut, dass ich dies hier einmal kommentieren muss.

Natürlich stör ich mich am meisten an den “Vorstößen” Schäubles mit seiner Online-Überwachung, als ob es nicht ohnehin schon genug Überwachung gäbe und Grundrechte Stück für Stück ausgehöhlt werden. Und für alle die meinen absolut nichts zu verbergen zu haben, füllen doch bitte diesen Fragebogen aus und schicken ihn mir. Wem das Beispiel zu profan ist, der kann sich aber auch gerne einen tiefgründigen Artikel darüber durchlesen, warum früher oder später doch jeder etwas zu verbergen hat und dieses Argument also nicht zieht.
Nächster Lieblingspunkt meiner Argumentationsliste ist, dass Videoüberwachung Zivilcourage verhindert, indem die Verantwortung an die Kamera deligiert wird. Es entsteht ein falsche Gefühl an Sicherheit, aber gehen die Straftaten wirklich zurück dank Videoüberwachung? Aus jedem billigen Banküberfallstreifen weiß man, dass man bloß eine Maske aufsetzen muss um der Überwachung zu entgehen.
Aber Schäuble tut das ja nur im Interesse der Sicherheit der Bundesbürger. Doch wie ernst er es mit der Gerechtigkeit nimmt, hat sich erst jüngst wieder gezeigt.

Soviel zu dem Thema. Dann wäre da noch die Microsoftsache, wegen der die EU gerade in Jubelgeschrei über ihren Sieg verfällt. Schön und gut, Microsoft darf den MediaPlayer nicht mehr mit Windows ausliefern… Uuuund? Wen interessierts? Es gibt genug frei Alternativen die man sich installieren kann. Dummerweise ist so ziemlich jeder OpenSource MediaPlayer auch wenn er noch so gut ist, illegal, weil die ganzen MediaCodecs durch unzählige Patente geschützt sind. Und ratet mal wer viele davon besitzt? Aber wenns ums Patentwesen geht, scheint die EU keine Durchsetzungskraft zu haben. Die eigentlich (noch) nicht zulässigen Softwarepatente werden trotzdem erteilt und gegen Patenttrolle unternimmt auch keiner was, denn da ist die Lobby der großen der Wirtschaft einfach mal zu stark.

Immerhin habe ich jetzt eine Partei gefunden, die sich zu 95% mit meinen Überzeugungen deckt: Die Piratenpartei Deutschland. Der Name ist etwas unglücklich gewählt, weil der Begriff Pirat von der Musikindustrie bereits in einer unpassenden Form belegt ist. Jedenfalls meint es die Partei ernst und geht es ihr um Grundrechte, Demokratie und Freiheit. Nur halt um echte Freiheit und nicht um “Freiheit” wie Schäuble sie gerne hätte. Also ist man gegen Überwachungswahn, für Datenschutz und Privatsphäre und gegen unsinnige (Software-)Patente!

6 Reaktionen zu “Ich habe doch nichts zu verbergen…”

  1. Sara

    Mann Hagen!
    Wir kennen uns ja schon eine Weile, ich kann mich nicht erinnern, dass du schon mal solche Reden geschwungen hättest. Was das internet alles in einem zum Vorschein bringt… Sehr lustig, aber PiratenPartei hört sich echt nicht sehr vertrauenerweckend an.

  2. Marzahn

    1. Schäuble geht oft zu weit und drückt sich auch ungeschickt aus. Aber das ist das Positive an der großen Koalition, dass man einen Kompromiss finden wird. Warte ab. “Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.”
    2. Ohne die unerlaubte amerikanische Amtshilfe bei der Online – Durchforstung der PC`s des Trios Infernale aus Süddeutschland wären mit den 3 Autobomben durch 500 kg Sprengstoff unzählige Menschen getötet worden!
    3.Warum gleich Piratenpartei. Die Grünen geben doch der Freiheit auch eine höhere Priorität als die persönliche Sicherheit?

  3. Hagen

    1. Schäuble (und Konsorten) überziehen das Maß imho mit Absicht. Der psychologische Effekt des Verhandelns: Mache ein übertriebene Forderung, die natürlich so nicht durchkommen wird. Doch aus Gründen der Reziprozität wird dann jeder bei der kleineren Forderung, die wenn sie allein stünde wahrscheinlich von niemandem akzeptiert worden wäre, zustimmen, schließlich hat man ja vorher schon nein gesagt und demzufolge ein schlechtes Gewissen. (Klingt banal, aber dafür gibt es auch im großen Maßstab der Politik einige nahezu unglaublich Beispiele.) Auch wenn es kleine Schritte sind: es wird immer weiter versucht, die Freiheit einzuschränken und das wirkt dann schon alles wie ein weiterer Schritt in Richtung 1984.
    2. Laut einem Bericht der Bildzeitung zitiert von Heise-Online haben die Terroristen per Email kommuniziert. Es fand keine Online-Durchsuchung eines Privat-PCs statt (was von Schäuble gefordert wird), sondern die Amerikaner haben lediglich die Emails ausgelesen, was deutsche Behörden ohnehin schon dürfen. Ich vermute, dass sie einen nicht-deutschen Emailprovider benutzt haben, denn ansonsten wäre die Hilfe der Amerikaner gar nicht nötig gewesen. Die Sache hat aber nicht viel mit Online-Durchsuchungen zu tun. Wer halbwegs technisch versiert ist, wird keine Probleme haben sich vor Online-Durchsuchungen zu schützen, und wenn die Online-Durchsuchungen legalisiert werden, werden sich die Terroristen bestimmt nicht auf die Finger schauen lassen wollen und werden keine Probleme haben das zu tun. Was übrig bleibt, ist dass Online-Durchsuchungen es den Strafverfolgungsbehörden (und wer weiß wem sonst noch) ermöglichen auf die Daten der Ottonormalbürger zuzugreifen. Schutz vor Terroristen? Falsch.
    Übrigens wieder ein schön psychologischer Effekt. Vor dem geplanten Anschlag war die Mehrheit der Deutschen gegen Onlinedurchsuchungen, jetzt ist die Mehrheit dafür, weil jemand fälschlicherweise behauptet hat, dass die Onlinedurchsuchung den Anschlag verhindert habe.
    3. Guter Punkt, die Grünen sind mit dem Programm der Piratenpartei weitgehend deckungsgleich, wenn auch nicht so transparent und konsequent. Dennoch in vielen nicht vom Piratenprogramm erfassten Themen meiner Ansicht und der Name klingt auch besser ;) Aber seit dem Fluch der Karibik sind Piraten schließlich cool. Sie bringen viele für mich wichtige Konzepte ins Spiel, von denen ich bisher nur den Eindruck habe, dass sie in der Politik übergangen werden oder mit unzureichender fachlicher Kompetenz vertreten sind.

    Ich übrigens absolut gegen Softwarepiraterie. Die schadet nämlich nur den freien Alternativen.

  4. Die Helmsdorfer

    Wer keinen “Dreck am Stecken” hat, der braucht auch nichts befürchten.
    Manchmal habe ich den Eindruck, daß Datenschutz gleich Täterschutz ist.

  5. Hagen

    Dass das eben nicht der Fall ist, zeigt sich immer wieder mal im Kleinen und ist ja auch die Quintessenz des Artikels: “Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten”.
    Siehe dazu auch: Panorama – Vom Rechtsstaat zum Schnüffelstaat

  6. Hagen

    Überaus lesenswert zum Thema auch Die Zeit: Big Brother. Ein Artikel über die allgegenwärtige Überwachung in Großbritanien.

    Und das Videoüberwachung die kriminalität nicht reduziert zeigen langsam auch die Statistiken: Studie: Videoüberwachung in Berliner U-Bahn brachte keinen Sicherheitsgewinn

    Eine weiterer Artikel der ZEIT führt viele weitere interessante Argumente an.

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