Ramadan Mubarak
Vor zwei Tagen hat auch hier Ramadan der heilige Fastenmonat begonnen, somit wird es allerhöchste Zeit darüber zu berichten. Und zu erzählen gibt es leider nicht wenig ![]()
Monat bezieht sich zumindest im islamischen Mondkalender, wie der Name schon sagt, auf den Mond. Sprich Ramadan beginnt dann, wenn die Astronomen im jeweiligen Land die Mondsichel am Himmel sehen und endet ca. 30 Tage später mit dem Neumond.
Wie ihr wahrscheinlich alle wisst, ist es Muslimen während des Ramadans tagsüber nicht gestattet zu Essen, zu Trinken, zu Rauchen, Parfüm zu benutzen, Sex zu haben etc.. Tagsüber ist dabei eine relativ ungenaue Definition. Das Fasten beginnt in der Morgendämmerung mit dem Ausruf des Muezzin zum Morgengebet. Hier in Marokko ist das morgens ca. 4:20 Uhr. Das Fasten wird mit Sonnenuntergang gebrochen, genauer gesagt dann, wenn man (draußen) einen schwarzen Faden von einem weißen nicht mehr unterscheiden kann. Praktisch kommt im Restaurant der Kellner um ca. 18:40 Uhr vorbei und gibt Bescheid, dass man mit dem Essen beginnen kann.
Soweit die Regeln. Doch Ramadan ist weit mehr als einfach nur Fasten. Es ist ein Monat religiöser Besinnung, ein Monat der Feste und ein Monat stärkeren familiären Zusammenhalts.
Einige von uns Austauschstudenten (mich eingeschlossen) haben uns entschlossen das Fasten mitzumachen. Hauptsächlich um ein Gefühl dafür zu bekommen wie das ist, einen Monat lang tagsüber nichts zu essen, aber auch um die Erleichterung beim abendlichen Brechen des Fastens spüren zu können und auch weil es den Fastenden gegenüber irgendwie gemein wäre, in deren Gegenwart zu Essen.
Der erste Tag des Ramadan beginnt also morgens kurz vor vier mit dem Klingeln des Weckers meines Zimmergenossens und einem schnellen Frühstück (dem سحور – sahuur) im Bett. Ich begnüge mich mit einem Trinkjoghurt. Joghurt heißt im marokkanischen Dialekt übrigens danun. (Vielleicht ist das ja Einbildung, aber seht ihr auch den geringen Hammingabstand zu Danone?) Mein Zimmergenosse verzichtet auf das Morgengebet, überhaupt habe ich ihn noch nie beten gesehen. Der Tag verläuft normal, abgesehen davon, dass das Wort Hunger jeglichen Small Talk prägt.
Weil Fasten allein ja langweilig wäre, gibts im Ramadan jeden abend ein großes Festessen und das ist einfach mal super. Das Fasten wird abends mit dem F’tor (فطور) gebrochen. In den Nachmittagsstunden herscht reges Treiben am Markt, jeder versucht noch letzte Besorgungen für das Abendessen zu machen. Mit Beginn der Dämmerung leeren sich die Straßen und man kommt sich vor wie in einer Geisterstadt. Beim F’tor (auch Frühstück genannt) gibt es eine Menge Süßwaren wie z.B. die Datteln oder die Honiggebäckstücke, eine etwas andere aber leckere Suppe («it tastes different» ist ein Satz, den man hier momentan öfter hört), Teigwaren, Eier und viele Getränke. Eigentlich ist der Sinn noch gar nicht, sich den Magen übermäßig vollzuschlagen. Das machen wir aber trotzdem. Daher hat es noch keiner von uns geschafft am eigentlichen Dinner (dem عشا – aischa) teilzunehmen, das aber hier in der Unimensa ohnehin nicht sonderlich spektakulär ist.
Soviel also zur Esskultur. Was man bisher aber noch so mitbekommen hat, ist dass es zum Ende des Ramadans das kleine Fest (aid al-fitr) gibt und auf das werden die Marokkaner insbesondere in den letzten zehn Tagen des Ramadan hinleben. Das ist ein bisschen wie Weihnachten nur nicht ganz so kommerziell, obwohl nahezu alle Händler ihre Preise dann doch ein bisschen erhöhen. Jedenfalls wird die Familie neu eingekleidet, man kauft sich also viel. Und hier wirds interessant, denn weil jeder an dem Fest teilhaben können soll, egal welcher sozialen Schicht er angehört, kommt hier ein religiöses soziales Sicherungssystem zum Einsatz. Denn jeder Moslem ist verpflichtet einen Teil seines Einkommens als Spende an Bedürftige abzugeben. Da Marokko teilweise ein Problem mit professionellen Bettlern hat, die manchmal hundertausende Dirhams auf ihrem Konto haben, erfolgt die Spende zuerst innerhalb der Verwandtschaft, dann folgen Freunde, Bekannte und Nachbarn. Als Faustregel gibt man ca. 10% eines Monatsgehalts.
Wer als Tourist vermeiden will Bettlern ein Vermögen zu bescheren, kauft denen (und das gilt insbesondere für bettelnde Kinder, die teilweise sogar zum Betteln vermietet werden (Quelle: Mundpropaganda)) einfach etwas zu essen.
Auch wenn uns im Orientation Program gesagt wurde, dass hier an der Uni Studenten aus allen sozialen Schichten studieren, hat sich diese Bild nicht bestätigt. Der Eindruck ist eher, dass man ein total verfälschtes Bild Marokkos bekommt, weil praktisch alle Studenten mehr oder minder wohlhabende Eltern haben.
Um für die Region rund um Ifrane davon zu profitieren, gibt es an der Uni das Hand-In-Hand Projekt, bei dem versucht wird, Kindern den Besuch einer Schule zu ermöglichen. Der Hauptgrund, wegen dem Eltern davon absehen ihre Kinder in die Schule zu schicken ist Geld. Für knapp 20 EUR kann man also einen Schulranzen gefüllt mit Büchern und Materialien finanzieren und somit einem Kind den Schulbesuch ermöglichen.
Wegen der trockenen Luft, trinkt man hier eine ganze Menge Wasser. In meinen Augen ist das Fasten von Getränken das schwierigste an Ramadan. Schwangere Frauen, Frauen, die ihre Periode haben, Reisende und Kranke müssen nicht fasten, sind aber dazu angehalten die versäumten Tage später nachzuholen. Da ich gerade meine mehrfach jährlich Erkältung hinter mich bringe, verzichte ich also nicht auf das Trinken von Wasser, was das Fasten des Essens wesentlich einfacher macht. Ehrlich gesagt hatte ich bisher keinen großen Hunger und es hat sicherlich jeder schonmal Tage gehabt an dem man vergessen hat zu frühstücken, beim Mittag etwas dazwischen kam und man abends trotzdem nicht komplett ausgehungert war. Von daher ist das Fasten gar nicht so schlimm.
Mein Psychologieprofessor (ein Amerikaner) meinte gar, dass es sein kann, dass Fasten überaus gesund ist für unseren Körper, da er evolutionsbedingt ja darauf ausgelegt ist, Dürreperioden und ähnliches zu überstehen. Nun ja, wissenschaftliche Belege scheinen noch zu fehlen
Das letzte, dass ich hier anbringen will, ist, dass Ramadan wirklich alles hier beeinflusst. Es beginnt mit dem Tagesrhytmus, wirkt sich aus auf die Öffnungszeiten von Geschäften (Restaurants sind nun bis tief in die Nacht, unsere Caféteria bis morgens um zwei geöffnet), geht weiter beim Busfahrplan und sogar einige Kurse werden verlegt. Wer vorher um 17 Uhr Unterricht hatte, hat nun zwischen 17 und 20 Uhr Zeit, seine Gebete zu verrichten, das F’tor zu sich zu nehmen und erfreut sich anschließend des spannenden Abendunterrichts in der Uni.
Und eine Sache noch
Gestern hatten wir F’tor in Ifrane und hatten uns als Hauptspeise eine Pastilla bestellt. Das ist praktisch ein Kuchen mit Puderzucker und etwas Zimt, doch herzhaft gefüllt u.a. mit Hähnchen. Das war geschmacklich einmalig, muss man also unbedingt probieren wenn man mal nach Marokko kommen sollte.
Am 18. September 2007 um 22:38 Uhr
stehst du dann nach deinem frühstücksjoghurt gleich auf oder legt man sich dann noch mal 2 stunden aufs ohr ?
wirkt sich das “nichts essen am tage” dann nicht doch auf die konzentration aus? nach einem ausgiebigen frühstück komm ich auch gut über den tag, aber ohne dieses würde ich bestimmt irgendwann vom fahrrad fallen
Am 19. September 2007 um 23:52 Uhr
Ach ich hab schon in der Schulzeit gelegentlich das Frühstück ausfallen lassen das ist nicht so schlimm.
Nach dem “Frühstück” um 4 legt man sich natürlich nochmal schlafen, sonst wäre man bei max 3-4h Schlaf die Nacht das geht ja dann wirklich nicht. Aber ohnehin klappt das mit dem Schlafen nicht sonderlich gut. Bin momentan immer totmüde und schlaf dann nachmittags nochmal 2h oder so. Macht sich aber auch ganz gut gegen Hunger
Hab mir jetzt Ohrstöpsel besorgt gegen das aufdringliche schnarchen meines Zimmergenossens. Mal schaun ob das so funktioniert.
Am 24. September 2007 um 20:57 Uhr
“Die freiwillige Einschränkung durch das Fasten wird in fast allen Religionen praktiziert. Gegen eine Überbewertung wandte sich Jesus, ohne es grundsätzlich abzulehnen”. ( Bertelsmanns Neues Lexikon )
Schwer zu verstehen ist das überreichliche Essen nach Sonnenuntergang.
Die Christen haben eine Fastenzeit von 6 Wochen von Aschermittwoch bis Karfreitag. Da wird auf Sachen verzichtet, die einem schwer fallen wie z.B. Schokolade, Kaffe, Bier. Fleisch usw..
Es dient der Buße, der Reinigung und der Einstellung auf den Karfreitag. Ist es im Islam auch ein Ausdruck der Buße ?
Am 24. September 2007 um 21:36 Uhr
Nein, es geht vielmehr darum zu ehren was man hat und nicht alles als selbstverständlich zu erachten. Natürlich geht es aber auch darum, Gott zu verehren. Die meisten Muslime sind sehr arm und einen Monat im Jahr spüren dann auch die nicht so armen, wie es ist, Hunger zu haben.
Am 26. September 2007 um 13:04 Uhr
Hab grad den Ramadanbeitrag deiner Schwester gelesen. Der bestätigt eher meine Vorurteile. Ich hätte nämlich auch nicht aus Solidarität gefastet. Ich hoffe, du hast das mittlerweile aufgegeben oder betrügst wenigstens. Weder hungern noch dürsten sind gut für dich, auch wenn du es aushälst
Zumindest Wasser sollte erlaubt sein, ich weiß das auch im Überfluss zu schätzen.
Hoffentlich vernebelt der Hunger nicht deinen Geist und du eignest dir auch andere religiöse Geflogenheiten an!
Komm bald wieder, Hannes spielt immer noch nicht besser Set als ich!
Am 26. September 2007 um 13:07 Uhr
P.S.: Dein blog ist wirklich sehr gut, hoffentlich hälst du die hohe Frequenz durch.
Am 11. August 2009 um 12:19 Uhr
Fragen & Antworten zum Fastenmonat…
Ein FAQ zum Ramadan 2009
- Geschrieben und zusammengefasst von Hessam Kordian -
Darf man im Ramadan Medikamente zu sich nehmen?
Generell lautet die Antwort nein, aber wenn das Medikament zwingend notwendig ist, darf man es zu sich nehmen. Hierbei sollt…