Al-Hociema

16. März 2008

Mit leichter Wehmut verlasse ich meine Freunde in Oujda und mache mich in nordwestlicher Richtung auf den Weg zum Mittelmeer. Meine Pläne geraten langsam etwas durcheinander, denn eigentlich wollte ich bereits Samstag Nachmittag in Chefchaouen ankommen, doch nun begebe ich mich erst Samstag Mittag auf den Weg nach Al-Houciema. 60 Dirham kostet die sechseinhalbstündige Fahrt, doch bekommen tut man für den Preis weit mehr. Marokko ist nicht mehr rotbraun, staubig und vertrocknet, wie das bei meiner Ankunft nach dem letzten Sommer der Fall war. Nein, das Land blüht förmlich. Immer wieder grüne Wiesen, zwischendurch Blumenfelder und Orangenhaine bei deren Anblick mir das Wasser im Mund zusammen läuft. Faszinierende überirdische Wasserleitungssysteme folgen den Straßenläufen und immer wieder überquert der Bus einen um diese Jahreszeit schon meist trockenen Wadi. Wadi ist übrigens das einzige arabische Wort, das ich kenne, das sich auch im deutschen Sprachgebrauch wiederfindet (Falaffel und Schawarma zählen nicht). Im nur wenige Kilometer südlich der spanischen Provinz Melilla gelegenem Nador macht der Bus eine halbe Stunde Pause und ich nutze die Gelegenheit um mir den verschmutzten, unattraktiven, staubigen Steinstrand anzusehen. Ein einzelner Fischreiher stolziert unmotiviert durchs Wasser und ich kann ihm seine trotzige Haltung in diesem Moment vollkommen nachempfinden.
Der nächste Teil der Strecke ist einfach großartig und ich müsste mir selbst böse sein, wenn ich nicht diesen Abstecher zur Mittelmeerküste gemacht hätte, denn die seit letzter Begutachtung durch den LonelyPlanet offensichtlich erneuerte Straße führt serpentinenhaft an der gebirgigen Küste entlang. Immer wieder unterbrechen canionartige Flussbette den Landschaftsverlauf und die Farbkombinationen aus der rötlich glühenden Erde, den grün leuchtenden Pflanzen und dem blau, ja gelegentlich karibisch-türkisem Mittelmeer sind ein Augenschmaus, an dem man sich nicht sattsehen kann.

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Erst am nächsten Morgen bekomme ich im Sonnenlicht die eigentliche Pracht Hociemas zu sehen. Die felsigen Ausläufe des Rif-Gebirges lassen hier in der Bucht einen kleinen Freiraum für Strand und Weitweitweggefühl. Es sind perfekte 26°C und das von der erfrischend eisigen Kälte an die Ostsee erinnernde Wasser lädt nur mich und vom Fussballspielen versandete Jungen der Stadt zum Baden ein. Um eins fährt der Bus nach Chefchaouen los und auch wenn ich vielleicht noch etwas länger den hier kurz vor Frühlingsanfang perfekten Sommer genossen hätte, ruft einmal mehr das Abenteuer.
Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Augen aus Angst vor den tiefen Abgründen, den scharfen Kurven auf den schmalen Straßen und dem selbstmörderischem Fahrstil schließe oder lieber jede Sekunde dieser einzigartigen von unendlichen Tälern durchzogene Gebirgslandschaft in mich aufsauge. Letztendlich entscheide ich mich die meiste Zeit für letzteres, denn die landschaftliche Vielfalt, die von kleinen Seen, bunten Feldern über grasige Bergterassen bis hin zu Nadelwäldern und einem schneebedecktem 2500er-Gipfel reicht, ist einfach zu gewaltig. Nur das beständig kräftige Hinundher des Busses und der gelegentliche Anblick zerstoßener Leitplanken, aber vielleicht auch das Sandwich von heute Mittag, verursachen ein unangenehmes Gefühl im Magen.

Level 3: Der Osten

14. März 2008

Oujda ist anders. Oujda ist eine Stadt, die der Reiseführer bestenfalls für die Durchreise empfiehlt. Zu sehen gibt es praktisch nichts und seit Schließung der algerischen Grenze hat der Ort auch kaum mehr eine touristische Existenzberechtigung. Dabei ist Oujda mit ca. 900.000 Einwohnern eine gar nicht so kleine Stadt und zumindest historisch relativ bedeutsam (könnt ihr im Reiseführer eurer Wahl nachlesen ;) ). Oujda ist warm. Geradezu heiß, 32° C waren es heute Nachmittag, zum Glück bin ich im März und nicht im April oder Mai hierher gekommen. Auf jeden Fall gewinnt der laue Sommerabend.

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Ich couchsurfe bei einigen hier arbeitenden, wild zusammengewürfelten Franzosen. Einer lebte jetzt vier Jahre in Marokko spricht marokkanisch richtig gut, aber versteht kaum ein Wort von dem Hocharabisch mit dem ich mich hier immer durchzumogeln versuche. Touristen gibt es hier wie gesagt keine (zumindest sind mir noch keine begegnet) und das ist vermutlich auch der Grund für die etwas andere Mentalität der Menschen. Nervige Verkäufer, aufdringliche Leute und die sonst so für Marokko typischen Belästigungen findet man hier einfach nicht. Zweimal ist es mir jetzt hier in Oujda passiert, dass mich Leute angesprochen haben, aber das nicht etwa auf französisch wie das in jedem anderen Ort in Marokko der Fall gewesen wäre. Die Annahme ich spräche deren Sprache hat mich dann doch überrascht und umgekehrt sind Leute hier viel weniger (bis gar nicht) erstaunt, wenn sie herausfinden, dass ich arabisch spreche (oder das zumindest versuche).
Es ist Freitag und Freitag ist Kuskus-Tag in Marokko. Ich war zuerst etwas verwundert, warum die meisten Geschäfte im Souk geschlossen sind, aber dann wurde mir erklärt, dass die Besitzer mittags bei ihren Familien Kuskus essen. An einem kleinen Sandwichstand kaufe ich mir einen Becher kalten Saft, gerate ins Gespräch und wurde prompt eingeladen, doch noch ein wenig zu bleiben und Kuskus zu essen. Das erlebt man nun auch nicht jeden Tag.
Und weil ja noch nicht genug unglaubliche Dinge passiert sind, nehmen mich die Franzosen auf die Geburtstagsfeier eines Freundes mit und nun kenne ich so ziemlich alle Franzosen der Stadt. Bereits am Abend zuvor hatte ich im Hammam einen Amerikaner getroffen, der hier für die Peace Corps seit zwei Jahren eine Art Freiwilligendienst macht. Die Peace Corps sind die so genannte soft power der US-Army, die mit ungefähr einem Prozent des Militärbudgets in der ganzen Welt Entwicklungshilfe leisten, in diesem Fall z.B. an einem Umweltprojekt mitwirken, um einen verschmutzten Fluss zu bereinigen. Das kommt mir aber trotzdem vor wie ein Tropfen auf den heißen Stein, da so ziemlich jeder Flusslauf in dieser Plastiktütengesellschaft einfach mal von Müll übersät ist.
Ein anderer Gast ist soetwas wie der Bürgermeister der Region und für einen schon etwas betagteren Araber überaus fidel. Das unter seiner Jellaba getragene Hemd ist sein einziges Statussymbol und von einem Bettler auf der Straße unterscheidet ihn lediglich sein gepflegtes Äußeres. Gegen Mitternacht fangen verschiedene Leute an Reden zu Ehren des 41-jährigen Geburtstagskindes aus Senegal und seiner mindestens fünf Jahre jüngeren Freundin zu halten. Nachdem sich herausstellt, dass offensichtlich jeder kurz etwas sagen muss, lege ich mir ein paar Sätze auf französisch zurecht – nur für den Fall. Bei soviel Reden kann man sich ja auch einige Wortwendungen abschauen. Wie in der Schule warte ich also bis ich mich vor dem Lehrer (in diesem Fall ein Mob leicht angetrunkener Franzosen und Marokkaner) nicht mehr verstecken kann und gehe dann mutig und gewappnet in den Kampf, den ich im selben Moment verlor als jemand meinte ich solle doch bitte etwas auf arabisch sagen. Es war aber trotzdem lustig und sollte ich je wieder nach Oujda kommen, hat mich der Bürgermeister schonmal zu sich nach hause eingeladen.
Die nächste Station sollte am Samstag das 500km westlich gelegene Chefchaouen sein, allerdings zählen die Straßen im Rifgebirge laut Reiseführer zu den schlechtesten in ganz Marokko und 12-Stunden Busfahrt überlegt man sich doppelt. Also noch ein Zwischenstopp auf halber Strecke in Al-Hociema am Mittelmeer. Da bin ich auf jeden Fall gespannt.

Level 2: Rabat

12. März 2008

Langsam begreife ich diesen Urlaub als spannendes Rollenspiel. Man bewegt sich in einer vertrauten, doch fremden Welt, spricht mit bestimmten Leuten und bekommt viele neue Entdeckungsoptionen. Eine Eisenbahnfahrt ist gratis Sprachunterricht und die Marokkaner können – einmal im Gespräch – stundenlang über Gott und die Welt reden. Warum muss dann aber eigentlich immer ich derjenige sein, der das Eis bricht und ein Gespräch beginnt? In Rabat ist es jedenfalls warm, die Wellen am Strand sind gewaltig, aber am Meer ist es dann doch verdammt kühl, neblig und salzig, was junge marokkanische Pärchen aber keineswegs daran hindert sich dort – von der Öffentlichkeit etwas abgeschieden – mit Dingen zu beschäftigen, die absolut hraam (unangemessen, verboten, unanständig) sind. Mitten in der Medina treffen wir zu unser aller Überraschung auf einen bereits wieder in Amerika geglaubten Freund aus dem letzten Semester und merken einmal mehr, wie klein Marokko doch ist. Der coolste Ort in Rabat ist ein Café des deutschen Goethe-Instituts, denn dort gibt es Bier und die angeblich beste Pizza der Stadt. Ein paar mehr oder weniger große Brocken Deutsch bringt jeder zu Tage, was ich überaus amüsant finde. Abends um zehn beginnt dann eine neun-stündige Zugfahrt ins östliche Oujda an der algerischen Grenze.

Die Ankunft

11. März 2008

Geil. Ach was sag ich. GEEEEEIIIL! Schon das Gefühl wieder auf afrikanschem Boden in Marrakesh gelandet zu sein, nachdem unser Pilot drei Ehrenrunden über die nächtlich leuchtende Stadt gedreht hat und dafür dann gerechtfertigten Applause bei der Landung erhielt, und dann die überschwengliche Freude, die mich doch vollkommen unerwartet trifft und dann die warme, leicht verschmutzt riechende Luft. Ich bin zurück in Marokko und – man fühlt sich das gut an! Der Rest mal wieder die Summe richtiger Entscheidungen. Quest 1: in die Stadt kommen war soo leicht, dass mir der Taxifahrer, der mich für 30DH (knapp drei Euro) ne gute Viertelstunde rumkutschierte fast Leid tat. Und wie konnte ich dieses Flair vom Djemma al-fna bloß vergessen? Grinsebacke Hagen läuft also über den Platz, auf dem die ganze Stadt versammelt ist, vorbei an dressierten Schlangen, Hühnern, Affen, tanzenden Marokkaner und gegrillten Schnecken schnurstracks zum Orangensaftstand. Prost. Aaaaah!
Quest 2: Hotel finden bestand eigendlich nur darin an dem komischen Typen vorbeizukommen, der behauptete, es gäbe hier keine Hotelzimmer unter 100 DH die Nacht. 10 Meter weiter, im schönen Hotel Afriquia, wurde mir das Gegenteil bewiesen. Der hübsche offene Innenhof mit zwei Bäumchen drin überzeugt auch und die ham sogar ein WC (auch bekannt als Toilettenform die mit türkischen Toiletten (a.k.a. Loch im Boden) nichts zu tun hat). Quest 3: mit dem Bus zum Busbahnhof fahren und Abfahrtszeiten rausfinden war ein Kinderspiel und Quest 4: ohne Plan (wär aber auch total egal) durch die Medina zurück zum besten Platz der Welt zu laufen, scheiterte an einem Jungen, der mich auf den vermeintlich richtigeren Weg zu einem nun leider geschlossen Laden bringen wollte. Gezählte acht, gefühlte 50 durch Mopeds verursachte Nahtoterlebnisse später, erreiche ich dann doch wieder das heilige Land frischgepressten Orangensafts. Ein Engländer, zwei Spanierinnen, zwei nervig süße marokkanische Kinder, Harira und Schbakkia vollenden den Abend.
Ein bisschen hab ich schon das Gefühl, das meiste von dem was Marokko ausmacht, heute erlebt zu haben, aber ich werde sicherlich schon morgen eines Besseren belehrt werden. Auf jeden Fall war das Geld für den Flug hierher schonmal sehr gut angelegt.
Bis demnächst vielleicht aus dem Norden!

Der erste Schnee

9. Januar 2008

Aber den sah ich ja leider nicht mehr.
First Snow at AUI, Januar 2008