Level 3: Der Osten

Oujda ist anders. Oujda ist eine Stadt, die der Reiseführer bestenfalls für die Durchreise empfiehlt. Zu sehen gibt es praktisch nichts und seit Schließung der algerischen Grenze hat der Ort auch kaum mehr eine touristische Existenzberechtigung. Dabei ist Oujda mit ca. 900.000 Einwohnern eine gar nicht so kleine Stadt und zumindest historisch relativ bedeutsam (könnt ihr im Reiseführer eurer Wahl nachlesen ;) ). Oujda ist warm. Geradezu heiß, 32° C waren es heute Nachmittag, zum Glück bin ich im März und nicht im April oder Mai hierher gekommen. Auf jeden Fall gewinnt der laue Sommerabend.

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Ich couchsurfe bei einigen hier arbeitenden, wild zusammengewürfelten Franzosen. Einer lebte jetzt vier Jahre in Marokko spricht marokkanisch richtig gut, aber versteht kaum ein Wort von dem Hocharabisch mit dem ich mich hier immer durchzumogeln versuche. Touristen gibt es hier wie gesagt keine (zumindest sind mir noch keine begegnet) und das ist vermutlich auch der Grund für die etwas andere Mentalität der Menschen. Nervige Verkäufer, aufdringliche Leute und die sonst so für Marokko typischen Belästigungen findet man hier einfach nicht. Zweimal ist es mir jetzt hier in Oujda passiert, dass mich Leute angesprochen haben, aber das nicht etwa auf französisch wie das in jedem anderen Ort in Marokko der Fall gewesen wäre. Die Annahme ich spräche deren Sprache hat mich dann doch überrascht und umgekehrt sind Leute hier viel weniger (bis gar nicht) erstaunt, wenn sie herausfinden, dass ich arabisch spreche (oder das zumindest versuche).
Es ist Freitag und Freitag ist Kuskus-Tag in Marokko. Ich war zuerst etwas verwundert, warum die meisten Geschäfte im Souk geschlossen sind, aber dann wurde mir erklärt, dass die Besitzer mittags bei ihren Familien Kuskus essen. An einem kleinen Sandwichstand kaufe ich mir einen Becher kalten Saft, gerate ins Gespräch und wurde prompt eingeladen, doch noch ein wenig zu bleiben und Kuskus zu essen. Das erlebt man nun auch nicht jeden Tag.
Und weil ja noch nicht genug unglaubliche Dinge passiert sind, nehmen mich die Franzosen auf die Geburtstagsfeier eines Freundes mit und nun kenne ich so ziemlich alle Franzosen der Stadt. Bereits am Abend zuvor hatte ich im Hammam einen Amerikaner getroffen, der hier für die Peace Corps seit zwei Jahren eine Art Freiwilligendienst macht. Die Peace Corps sind die so genannte soft power der US-Army, die mit ungefähr einem Prozent des Militärbudgets in der ganzen Welt Entwicklungshilfe leisten, in diesem Fall z.B. an einem Umweltprojekt mitwirken, um einen verschmutzten Fluss zu bereinigen. Das kommt mir aber trotzdem vor wie ein Tropfen auf den heißen Stein, da so ziemlich jeder Flusslauf in dieser Plastiktütengesellschaft einfach mal von Müll übersät ist.
Ein anderer Gast ist soetwas wie der Bürgermeister der Region und für einen schon etwas betagteren Araber überaus fidel. Das unter seiner Jellaba getragene Hemd ist sein einziges Statussymbol und von einem Bettler auf der Straße unterscheidet ihn lediglich sein gepflegtes Äußeres. Gegen Mitternacht fangen verschiedene Leute an Reden zu Ehren des 41-jährigen Geburtstagskindes aus Senegal und seiner mindestens fünf Jahre jüngeren Freundin zu halten. Nachdem sich herausstellt, dass offensichtlich jeder kurz etwas sagen muss, lege ich mir ein paar Sätze auf französisch zurecht – nur für den Fall. Bei soviel Reden kann man sich ja auch einige Wortwendungen abschauen. Wie in der Schule warte ich also bis ich mich vor dem Lehrer (in diesem Fall ein Mob leicht angetrunkener Franzosen und Marokkaner) nicht mehr verstecken kann und gehe dann mutig und gewappnet in den Kampf, den ich im selben Moment verlor als jemand meinte ich solle doch bitte etwas auf arabisch sagen. Es war aber trotzdem lustig und sollte ich je wieder nach Oujda kommen, hat mich der Bürgermeister schonmal zu sich nach hause eingeladen.
Die nächste Station sollte am Samstag das 500km westlich gelegene Chefchaouen sein, allerdings zählen die Straßen im Rifgebirge laut Reiseführer zu den schlechtesten in ganz Marokko und 12-Stunden Busfahrt überlegt man sich doppelt. Also noch ein Zwischenstopp auf halber Strecke in Al-Hociema am Mittelmeer. Da bin ich auf jeden Fall gespannt.

2 Reaktionen zu “Level 3: Der Osten”

  1. Gabriela

    Mann, bin ich neidisch! Unsereins maloocht wie verrückt und andere machen sich ein schönes Leben in marokkanischer Frühlingswärme mit netten Leuten. Ich will auch! Wenn Du dann also irgendwann mal den Bürgermeister besuchst, dann nimm mich doch einfach mit.
    Wann gibt es denn mal wieder ein paar Fotos?
    Liebe Grüße!
    Mama

  2. Hagen

    Fotos gibts mit unregelmäßigen Updates in der Bildergalerie. Internetzugang ist relativ rar, daher ist das mit den Fotos und so immer nicht so leicht.
    Und der Bürgermeister hat garantier nichts dagegen, wenn ich dich mitbringe nächstes Mal!

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